Die Zeit der Krise

Harald Zils on May 10th, 2009    

Mit der zweiten Ausgabe von »Neues Curriculum«, die eigentlich am 15. April beginnen sollte (wir fügen neue Artikel zum Thema ein, sobald sie uns zugehen — der große Vorteil eines Online-Magazins), sind wir etwas hinter Plan. Wir haben nicht ganz so viele Angebote für Beiträge erhalten, wie wir erhofft hatten. Das kann am Thema liegen, auch daran, dass wir noch sehr neu auf der German Studies-Landkarte sind. Es gibt aber wohl noch einen anderen Grund, der allgemein die akademische Landschaft betrifft.

Viele Kollegen und Kolleginnen, die uns einen Beitrag versprochen haben, konnten ihn nicht rechtzeitig zum 15. April fertigstellen. Wo man auch hinhört, wen man auch spricht (oder zu sprechen versucht), Zeit ist ein sehr kostbares Gut geworden, noch wertvoller auch für diejenigen, die früher schon über ihre Belastung stöhnten. Denn indem in der Finanzkrise das Geld knapp geworden ist, wird als zweite Ressource damit auch Zeit knapp: weil immer noch mehr von ihr gebraucht wird, überall.
Wenn defekte Geräte nicht mehr so schnell oder auch gar nicht mehr ersetzt werden, weil es keinen technischen Anschaffungsetat mehr gibt, dann müssen wir uns für unsere Kurse Möglichkeiten überlegen, diesen Ausfall aufzufangen, durch einen Behelf oder eine ganz neue Stundenplanung. Das sind kleine Ärgernisse, die sich summieren. Anfragen an andere Abteilungen und Einrichtungen auf dem eigenen Campus oder anderen werden nicht mehr oder nur nach längerer Zeit beantwortet, häufig mit geringerer Kompetenz als früher, weil nun weniger Leute die gleiche oder mehr Arbeit tun. Das lähmt.

Die Anschaffungsetats vieler Bibliotheken sind so stark gekürzt worden (an meiner Universität um 50%), dass viele von uns regelrechte Forschungsreisen zu anderen Institutionen unternehmen müssen, wo früher ein Gang über den Campus genügte (und man sollte endlich aufhören, Interlibrary Loan als Ersatz für eigene Bestände zu preisen; wer so argumentiert, hat noch niemals ernsthaft in einer Bibliothek gearbeitet). Besonders unerfreulich und zeitraubend sind die Diskussionen über Kürzungslisten von wissenschaftlichen Zeitschriften etc., die der Fakultät vorgelegt werden, damit diese dann entscheiden kann, ob sie in Zukunft lieber auf Niere oder Lunge verzichtet.

Dass ich im Frühjahr viel Zeit dafür einplanen muss, Empfehlungsschreiben für meine graduating seniors zu verfassen, bin ich gewöhnt; aber ich glaube nicht, dass es früher so viele waren, und so viele vor allem auch für den einzelnen Studierenden, der/die sich für mehr Stellen als zuvor bewerben muss, um angenommen zu werden. Viel Zeit verbringe ich mit Trösten und Ermuntern.

Aber in Zeiten schrumpfender Programme brauchen auch junge Kollegen mehr Unterstützung, um nach und mit dem Ph.D. eine erste, zweite oder gar dritte Stelle zu finden. Viele Universitäten haben auslaufende Zeitverträge nach Möglichkeit nicht mehr verlängert. Viele Adjuncts und Lecturers, die mit Herzblut unterrichtet haben und neue Ideen einbrachten, wie wir sie hier dokumentieren wollen, werden nach diesem Semester auf der Straße stehen, nicht nur in den German Studies. Und alle Dozenten, deren eigene Stelle nicht in Gefahr ist, kennen mindestens eine Person, der sie dringend helfen müssen und wollen, ein Auskommen zu finden.

Und alle schreiben wir jetzt natürlich vermehrt lange Anträge für Drittmittel, um unsere finanziellen Defizite ein wenig zu verringern.

Neben diesen beruflichen Zeitfallen lauern die privaten Nöte: Die Sorgen um die eigene Zukunft, die der Familie und der Freunde, die viele nachts nicht schlafen und tagsüber nicht wie gewohnt arbeiten lassen. Viele von uns mussten sogar den Abschied von Beruf aufschieben. Die Zeit der Krise ist nun ihre verlängerte Lebensarbeitszeit.

Es ist immer mehr zu tun, je weniger Geld vorhanden ist. Die Spielräume sind eingeschränkt, aber die Notwendigkeiten ufern aus. Das ist eigentlich ein Paradoxon. Wird die Krise zusätzlich verstärkt vom ständigen Reden über die Krise, das uns ebenso beschäftigt wie ihre Folgen? Die Zeit der Krise jedenfalls ist eine hoch determinierte Zeit, die trotzdem zu kaum etwas führt; für viele von uns ist sie ein überaus beschäftigtes Abwarten.

Der Ausweg aus den Nöten scheint nun für einige Optimierer in den Verwaltungen ein Umdenken von Grund auf zu sein, und als Redakteur einer Zeitschrift namens »Neues Curriculum« will ich das auch gerne begrüßen. Aber die Optimierung ist allzu häufig von einem rein ökonomischen Wunsch nach mehr Effizienz getragen: was alles kann weggelassen werden, um den kleinen Rest doch noch als akademisch bezeichnen zu können? Häufig wird schlank genannt, was nur noch dürr ist. Neue Pflichtkurse für Undergraduates werden geschaffen mit dem alleinigen Ziel, verlässlich große Klassen bilden zu können, um Kosten zu senken; neue Technologien werden gefördert, um die eingesparten Adjuncts und Lecturers (und auch die Teaching Assistants) durch mechanische Übungen und Repetitorien zu ersetzen. Die akademische Zeit soll in der Krise und nach ihr noch mehr zur Ressource werden, die bestmöglich verplant werden kann. Und unglücklicherweise machen viele unserer Studierenden diese rein numerische Gewinnrechnung mit: auch für sie ist Zeit Geld.

Nun ist es mittlerweile schon ein Klischee geworden, dass dort, wo die Gefahr ist, auch das Rettende wächst. Immer wieder wird leicht dahingesagt, dass die Krise als Chance begriffen werden sollte. Aber sie ist tatsächlich eine. Wir können in ihr zeigen, dass wir zu anderen, eigenen Optimierungen kommen können. Dass unsere Fächer eine überraschend hohe Konkurrenzfähigkeit besitzen, und dass sie unsere Studenten auf vieles vorbereiten, was die Analysten nicht vorhergesehen haben. Unsere Resultate können gerade den Begabteren unter ihnen den Wert einer guten, breiten Ausbildung deutlich machen. Dafür werden wir uns auf eine Renditendiskussion einlassen müssen, aber für diese gelten die alten Wall Street-Parolen nicht mehr. Wir können zeigen, dass wir mit neuen, zeitgemäßen Gegenständen, Methoden und Praktiken keine Hülsenfrüchte zu zählen brauchen, um mit unseren Programmen besser dazustehen (ich möchte das Objekt des Komparativs absichtlich offenlassen).

Das beste Mittel gegen Entmutigungen und aufkommende wie aufgekommene Depression war es schon immer, nicht gebannt auf das ganze Bergmassiv vor sich zu sehen, sondern sich die Aufgaben in kleine Abschnitte zu unterteilen: für die nächste Stunde, den heutigen Tag, diese Woche. Die Redaktion lädt alle Leser von »Neues Curriculum« ein, ihre kleinen und großen best practices in diesen Zeiten den Fachkolleginnen und -kollegen vorzustellen, als kurzen Kommentar unten oder als längeren Beitrag, auf deutsch oder auf englisch. Die Zeit der Krise ist auch eine Zeit der Gemeinschaft. Und anders als die Banken heute können wir als akademische Gemeinschaft eine Art von Urvertrauen nutzen, das jenen Austausch sicherstellt, der für die Wissenschaft immer schon systemrelevant war.


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Keep German at Fulton Schools

Harald Zils on January 20th, 2009    

Zahlreiche Deutschprogramme in Nordamerika sind in diesen schwierigen Zeiten gefährdet. Die Schließung von zwei German Departments auf Universitätsebene hat im letzten Jahr für (berechtigte) Aufregung gesorgt. Aber darüber sollten die Schulprogramme nicht vergessen werden, die genauso zu kämpfen haben. Ohne funktionierenden deutschen Sprachunterricht in den Schulen werden die Higher-Education-Institute auf die Dauer keine befriedigende Arbeit mit den Studenten leisten können: sie werden für anspruchsvolle Kurse auf Deutsch keine ausreichenden Einschreibezahlen mehr vorweisen können. Umgekehrt brauchen auch die Schulen Unterstützung von HigherEd. Darum haben wir “Collaboration with High Schools” auch zum Thema der ersten Ausgabe von “Neues Curriculum” gemacht.

Heute kommt eine Email von Staci Ferris-Letsos und Carmen Rehl-Ruggio herein, die über die drohende Schließung der Deutschprogramme im Schuldistrikt Fulton berichtet und um Hilfe bittet. Wer Staci und Carmen unterstützen möchte, kann unter http://www.thepetitionsite.com/1/saveGermaninFulton eine Petition unterzeichnen.


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soft morning, city!

Harald Zils on January 10th, 2009    

This is a very unofficial Welcome: Today, we have a soft launch for our new journal “Neues Curriculum.” We will save the big Hellos for another day, for now our status is “public beta” (like Google Mail). Things should work, they are all tested, but there might be occasional glitches and certainly some room to improve. For instance, I had added some eye candy that was actually not orange, but incompatibilities with Internet Explorer made me turn back the wheel.

Hopefully, this site will start being useful to the academic community, especially the German Studies community, from day 1, even before the red ribbon is cut.

We would like to hear your comments and suggestions. You can drop us a line on-site, right below this blog entry; and of course, if you find a bug, please help us by reporting it to editors@neues-curriculum.org.


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